Krank, einsam und verlassen!
So fühlen sich wie ganz viele Menschen im Moment auch unsere Betroffenen bei TEB e. V.
Jeden Tag erreichen mich Anrufe aus den verschiedensten Bundesländern, aber auch aus anderen Ländern, in denen Betroffene oder Angehörige nach Hilfe suchen.
Die täglichen Telefongespräche sind für unsere Organisation nicht neu, doch was neu ist: zu den Ängsten und Sorgen zur eigenen Erkrankung kommt nun noch eine zusätzliche Angst, das Coronavirus, dazu. Das hat auch für uns eine neue Dimension.
Betroffene und Angehörige fühlen sich vermehrt unverstanden und äußern ihre Bedenken, indem sie fragen, gibt es uns und unsere Krankheit noch? Hat Bauchspeicheldrüsenkrebs durch das Coronavirus seinen Schrecken verloren? Bekommen wir noch die richtige und ausreichende Behandlung?
Das sind Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Dennoch glaube ich, dass diese Zeit, in der wir uns gerade befinden, andere Prioritäten setzen muss. Wir alle sind daran interessiert, dass sich das Virus langsamer ausbreitet, damit unserer Gesundheitssystem nicht überlastet wird. Es liegt auf der Hand, dass Ärzte und Pflegepersonal dabei an ihre Grenzen kommen, und dass dadurch manches auf der Strecke bleibt.
Doch ich verstehe auch unsere Betroffenen, die heute mehr Angst denn je haben, dass ihnen die Zeit davonläuft und vielleicht Operationen oder notwendige Therapien verlagert werden müssen. So berichtete mir eine Angehörige, dass Operationen an der Bauchspeicheldrüse wegen eines Tumors in einer Uniklinik nicht gemacht werden, stattdessen werden vermehrt Portsysteme gelegt und Chemo verabreicht. Allerdings gäbe es bereits heute längere Wartezeiten zum Einsetzen des Ports.
Diese Aussagen decken sich auch mit meinen Erfahrungen und zeigen deutlich, dass im Moment das Coronavirus alles verändert und im Mittelpunkt steht.
Betroffene und Angehörige haben vermehrt Angst, da sie heute mit dieser schwierigen Situation und ihrer schweren Erkrankung alleine sind und sie damit fertig werden müssen. So schilderte eine Angehörige, dass ihre Mutter zum ersten Mal eine Chemotherapie bekam. Nachdem es ihrer Mutter danach sehr schlecht ging, konnte sie diese nur durchs Telefon trösten, ein Besuch war unmöglich.
Genau das ist es, was vermehrt Angst macht! Es fehlt häufig die Ansprache, Umarmung, Zuwendung, Hilfe und Unterstützung. Besuche fallen aus, Kinder, Enkel, Freunde und Bekannte dürfen nicht kommen. Leider ist es auch oft so, dass es sich hierbei um ältere Menschen handelt, die sich nicht so gut mit Computer, Facebook oder WhatsApp auskennen.
Ich kann die Angst und Unsicherheit vieler Schwerstkranker verstehen, und doch gibt es im Moment keine andere Lösung. Wir müssen alle das beste aus der Situation machen und Rücksicht auf jeden nehmen.
Das Virus hat die Welt verändert, es wird auch uns und unsere Gesellschaft verändern. Es birgt aber auch Chancen, dass wir gestärkt aus der Krise kommen und vielleicht Liebe und Menschlichkeit wieder im Vordergrund stehen.
Ein liebes Wort, eine nette Geste, Besuche, Zuhören, Hilfsbereitschaft, persönliches Engagement und noch ganz vieles mehr wird eine neue Bedeutung bekommen und vor allem eine neue Wertigkeit.
Familien werden wieder enger zusammenwachsen. Viele verschiedene Berufszweige müssen neu überdacht, bewertet und geschätzt werden.
Wir alle müssen demütiger und dankbarer werden, kein Geld der Welt kann uns die Gesundheit ersetzen und unser Leben.
Das Virus macht keinen Unterschied, es kann jeden treffen und jederzeit zuschlagen.
Für mich als 1. Vorsitzende von TEB e. V. bedeutet die heutige Situation ein Umdenken. Betroffene und ihre Angehörigen müssen heute anders betreut werden. Es fehlt der persönliche Kontakt, und dennoch sind wir in der glücklichen Lage zu helfen. Keines unserer Mitglieder oder auch Menschen, die unsere Hilfe brauchen, ist alleine.
Wir von TEB e.V. bieten alle uns zur Verfügung stehenden Mittel der heutigen Technik an, um mit uns in Kontakt zu bleiben. Auch wenn dies den persönlichen Kontakt nicht ersetzen kann, bietet es trotzdem eine Möglichkeit, sein Gegenüber zu sehen und mit ihm zu sprechen.
Leider ist es ist aber auch eine Tatsache, dass ich mich von einigen Betroffenen aus unseren Gruppen, die während dieser Zeit verstorben sind, nicht persönlich und auch nicht bei einer Trauerfeier verabschieden konnte. Das macht mir sehr zu schaffen.
Oft habe ich die verstorbenen von der Diagnose an betreute und war mit ihnen eng verbunden, Dass ich mich am Ende nicht verabschieden kann, tut mir sehr weh. Dieser letzte Schritt fehlt mir, um emotional abzuschließen und um meine Trauer zu verarbeiten.
Mir bleibt nur, dass ich mich telefonisch mit den Angehörigen austausche und ihnen Trost zusprechen kann.
Nach wie vor ist für uns bei TEB e.V. wichtig, dass wir Betroffenen zuhören und überlegen, wie man in jetzigen Situation Hilfestellungen anbieten kann, denn nicht alles ist mehr so möglich wie man es von TEB kennt. Auch unsere Hände sind im Moment gebunden. Vieles ist nicht mehr möglich, weil die Arbeit von Ärzten, Pflegekräften und Kliniken fast ausschließlich auf Corona ausgerichtet ist und oftmals alles andere in den Hintergrund gerät.
Diese ungewohnte Situation lässt unsere Mitarbeiter und mich nicht unberührt. Wir alle müssen einen Spagat schaffen zwischen uns selbst und den Mitgliedern. Keiner darf dabei auf der Strecke bleiben. Wir wissen, nur wenn wir auf uns selber achten, können wir ihnen auch weiterhin helfen.
Selbsthilfe hat in den vergangenen Jahren sehr viel bewegen und erreichen können, helfen Sie mit, dass dieses wertvolle Gut, das ehrenamtliche Engagement, auch in Zukunft erhalten bleibt.
Katharina Stang