Unser Gesundheitssystem hat Löcher

gesundheitssystem_hat_loecher.jpgGibt es Notstand im Gesundheitswesen nur bei Ärzten und Pflegepersonal?

Fast täglich kann man in den Medien hören oder lesen, dass unsere gegenwärtige Gesundheitsversorgung nicht mehr so funktioniert, wie es vielleicht noch vor einigen Jahren der Fall war. Wir werden mit Nachrichten überschüttet, welche da beispielsweise lauten: Wir haben einen akuten Ärztemangel, es fehlen Pflegerinnen und Pfleger, Teile im ländlichen Bereich sind unterversorgt, Stationen in Kliniken müssen oftmals wegen Personalmangel geschlossen werden, niedergelassene Mediziner nehmen keine neuen Patienten mehr auf, Wartezeiten für Termine dauern sehr lange, die Notaufnahmen sind oftmals total überfordert.  Ja, es ist längst bei den Menschen, Kranken und Schwerstkranken angekommen, dass es heute im Gesundheitswesen rauer und unmenschlicher zugeht als noch vor einigen Jahren.
Kranke Menschen müssen oftmals lange auf einen Termin bei Fachärzten wie z. B. Psychologen, Radiologen und Neurologen warten. Wenn man den Hausarzt, aus welchem Grund auch immer, wechseln will oder muss, hat man kaum Chancen, einen neuen zu finden.
versaeumnisse_gesundheitssystem.jpgIn den Krankenhäusern ist die Situation oftmals auch nicht viel besser, Stationen sind unterbesetzt und diejenigen, die die Arbeit machen, sind oftmals total überfordert. Kranke fühlen sich daher oftmals nicht wahrgenommen, verstanden und auch nicht gut behandelt.
Angehörige müssen teilweise sehr lange auf ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt warten. So mancher Angehörige übernimmt Aufgaben und Leistungen, wie z. B. Betten überziehen, füttern, waschen und pflegen. Und das sehr oft nur, damit es zum einen gemacht und zum andern das Pflegepersonal entlastet wird.
Dass das alles nur an der alternden Gesellschaft liegt, ist für mich unvorstellbar. Ich denke, man hätte viel früher darauf kommen müssen, dass Menschen dank unseres guten medizinischen Wissens und den daraus resultierenden Möglichkeiten länger leben. Ebenso, dass wir dringend Ärzte (niedergelassene Ärzte, wie auch diejenigen in den Kliniken) benötigen, was gleichermaßen für die Städte und die ländlichen Gegenden gilt. Wir hätten bereits vor Jahren Ärzte und Pfleger besser bezahlen, ihre Arbeit attraktiver gestalten und ihnen mehr Wertschätzung und Anerkennung entgegen bringen müssen, damit ihnen ihr Beruf Freude macht.
Wie bereits erwähnt, sind die der-zeitigen Arbeitsbedingungen und der daraus resultierende Pflegenotstand schlimm. Das hat aber nichts mit oftmals fehlender Menschlichkeit und schlecht funktionierendem Informationsfluss zu tun. Und der Pflegenotstand kann auch nicht als Ausrede für alles genommen werden. Jeder Mensch, der sich heutzutage entscheidet, einen Beruf als Pflegekraft oder Arzt auszuüben, weiß mittlerweile, wie die Lage im sozialen Bereich ist.
Nichtsdestotrotz sollten junge Menschen heutzutage die Möglichkeiten haben, Medizin zu studieren, wenn sie die Fähigkeit haben, ein guter Arzt zu werden. Noten sind zwar wichtig, aber nicht das Wichtigste.


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Negative Entwicklung - handelt die Politik zu spät?
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Ich persönlich glaube, dass die Rahmenbedingungen für unsere Ärzte nicht immer optimal waren und dass die Politik zu spät auf diese negative Entwicklung    reagiert hat. Vieles hat sich in den letzten Jahren zum negativen verändert und heute müssen wir der Zeit hinterherlaufen.
Ich bin mir nicht sicher, ob die Änderungen, die jetzt der Gesundheitsminister Jens Spahn aktuell umsetzen will und muss, wirklich schnell dazu führen, dass die Versäumnisse, welche in den letzten Jahren entstanden sind, schnell beseitigt werden können. Doch wie bei allem stirbt hier die Hoffnung ebenfalls zum Schluss.


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Selbsthilfe zählt zu unserem Gesundheitssystem
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Auch die Selbsthilfe zählt zu unserem Gesundheitssystem. Sie wird oft eine wichtige, vierte Säule im Gesundheitswesen genannt. Die vielfältigen Aufgaben, die erfahrene Kompetenz und das ehrenamtliche Engagement sind für die heutige Gesellschaft unverzichtbar. Wir sollten unbedingt darauf achten, dass dieses wertvolle Gut nicht verloren geht.
Ich kann nur für TEB e.V. sprechen und hier sehe ich, dass sich die Selbsthilfe mit ihren vielfältigen Aufgaben und Zielen und den daraus entstehen Herausforderungen total verändert hat. Als ich vor zwanzig Jahren die erste Gruppe gründete, kamen die Betroffenen und ihre Angehörigen, um sich untereinander auszutauschen. Dabei war es ihnen wichtig, dass man sich gegenseitig zuhörte und Mut und Hoffnung zusprach.
Regelmäßige Treffen wurden als etwas Besonderes angenommen. Ja, man war dankbar, dass man sich untereinander austauschen und man selber etwas dazu beitragen konnte, damit jeder seine Erfahrung ein- bringen und jeder von dem anderen etwas lernen konnte. Man war für einander da, half sich gegenseitig in der Not und investierte seine Zeit um der Sache wegen. Selbsthilfe bedeutet immerhin, dass wir uns selbst helfen.  Noch heute sind die Gruppentreffen für mich eine Bereicherung. Ich habe gelernt, mit meiner Krankheit umzugehen und konnte so anderen Menschen helfen und fand Freude und Freunde in der Gruppe. Ich bin dankbar, dass ich seit vielen Jahren in meinen Gruppen als Leiterin anerkannt bin und mir ein großes Vertrauen entgegengebracht wird.

Doch so wie es einmal war, ist es nicht mehr!
Heute kommt der erste Kontakt oftmals über Telefon, E-Mail oder Skype zustande. Man stellt seine Fragen, die man teilweise aus dem Internet hat und erwartet darauf schnelle und richtige Antworten. Ja, man erwartet, dass man zu jeder Zeit erreichbar ist. Es kommt sehr häufig vor, dass die ersten Kontakte am Abend, samstags, sonntags und feiertags stattfinden.


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Die Erwartungshaltung ist sehr groß, man will alles haben,
es sollte nichts kosten und selber will man nichts dazu beitragen.

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Gruppentreffen will man häufig über eine Videokonferenz vollziehen, oder aber man will sogar unerkannt und anonym bleiben. Aufgaben und Verantwortung will man ebenfalls nicht übernehmen. Aus diesem Grund finden wir kaum noch ehrenamtliche Mitarbeiter für die unterschiedlichsten Tätigkeiten, wie z. B. Gruppenleitung, Gruppenarbeit oder Vorstandsarbeit. Das Ehrenamt hat sich stark verändert, man will oder kann heut- zutage keine Verantwortung mehr übernehmen und das Leben im Verein ist schon längst nicht mehr erstrebenswert.

Mir ist es an dieser Stelle wichtig, zu schreiben, dass ich nicht von den Betroffenen rede, die sich auf Grund ihrer Erkrankung, Erschöpfung,  Therapien und Behandlungen nicht einbringen können, sondern von denen, die es tun könnten.

  • Doch was macht ein Verein ohne Nachwuchs?
  • Was machen Selbsthilfeorganisationen ohne ehrenamtliche Helfer?
  • Was machen wir, wenn die „Alten“ aufhören und keine „Jungen“ nachkommen?

Ich denke, wenn sich nicht bald etwas Grundlegendes im Ehrenamt ändert, werden die kleinen Vereine an der Last und Bürde scheitern und über kurz oder lang wegen Mangel an ehrenamtlichen Helfern aufgeben müssen. Dann wird es vielleicht nur noch große Organisationen oder  professionelle Beratungsstellen geben, die es sich leisten können, bezahlte Kräfte einzustellen, weil sie in hohem Maße aus verschiedenen Töpfen gefördert werden. Der Preis für diese Art der Unterstützung ist, dass man nicht mehr frei in seinen Entscheidungen ist.


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Was müsste sich meiner Meinung nach ändern?
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Es müsste Erleichterungen für die vielen gesetzlichen Bestimmungen geben, die heutzutage ein Verein, der ehrenamtlich geführt wird, erfüllen muss. Ein ehrenamtlicher Verein ist mit den vielen Anforderungen wie z. B. Vereinsrecht, Steuerrecht, Datenschutz und vielerlei mehr überfordert und zugleich ist es sehr abschreckend. Ich würde mir wünschen, dass unsere Gesellschaft und die Politik erkennen, dass die Selbsthilfe auf dem besten Wege ist, zu kapitulieren, weil uns der Nachwuchs, Mut, Kraft und planbare Gelder fehlen.
Was wäre unser Gesundheitssystem ohne die Selbsthilfe? Wer übernimmt die Arbeit der Ehrenamtlichen? Wie werden die Kosten, die durch den Wegfall der Selbsthilfe und Ehrenamtlichen zusätzlich entstehen, getragen? Hier wäre der Sozialstaat gefordert. Um wieviel ärmer wäre unsere Gesellschaft, die Menschen und die Kranken ohne Selbsthilfe?
Wir alle sind deshalb gefordert. Packen wir es an, damit die Selbsthilfe ihren Stellenwert, ihre Achtung, Anerkennung und Akzeptanz nicht verliert und wir in gewohnter Weise für Kranke oder in Not ge- ratene Menschen da sein können.


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Wertschätzung für das Ehrenamt in der Selbsthilfe!
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Geben wir unseren ehrenamtlichen Helfern, die allesamt unser gesamtes System mit am Laufen halten, die Anerkennung, Achtung und Wertschätzung, dass sie mit Freuden ein Ehrenamt annehmen. In der heutigen Zeit ist es unabdingbar, dass die Politik auch über Möglichkeiten und Anreize nachdenkt, wie man das Ehrenamt attraktiver gestalten kann. Es kann und darf nicht sein, dass Kosten, die notwendigerweise durch die Ausführung des Ehrenamts entstehen, oftmals nicht erstattet werden. Ein Ehrenamtlicher, der sein Amt ausführt, bringt Zeit, Arbeit, Verantwortung und Verfügbarkeit mit ein, ohne dass er dafür etwas will. Er möchte allerdings auch nicht die Kosten selbst tragen, die not wendigerweise entstehen, um das Amt auszuführen.  Ehrenamt ist nicht gleich Ehrenamt und wird oftmals unterschiedlich honoriert und wertgeschätzt.

Katharina Stang