Totale Erschöpfung, unerklärliche Müdigkeit

Bei meinen persönlichen Beratungen von Betroffenen bin ich immer wieder mit deren Problemen, Sorgen, Nöten, Ängsten und Gefühlen konfrontiert. Immer wieder höre ich dabei, dass sie sich unerklärlich müde, erschöpft und antriebslos fühlen. Oft verbinden sie ihre eigenen Gefühle mit der Frage, was ist los mit mir? Warum habe ich auf nichts mehr Lust? Wo ist meine Kraft geblieben?

Wenn ich sie dann bitte, mir ihre Empfindungen näher zu beschreiben, höre ich: „Ich habe eine lähmende Müdigkeit, fühle mich leer, antriebslos, kraftlos, ja einfach erschöpft und das schon seit Tagen, Wochen, Monaten.“ Bei einer solchen Beschreibung kommt bei mir schnell der Verdacht auf, dass es sich um die totale Erschöpfung, die sogenannte Fatigue, handeln könnte. Fatigue ist der medizinische Begriff für diese Symptomatik, gesprochen wird es „Fatieg“. Der Begriff Fatigue kommt aus dem Französischen und bedeutet „Ermüdung, Mattigkeit“.

Aktuell berichten auch immer wieder Menschen in den Medien von den Folgen einer überstandenen Corona-Erkrankung, durchaus auch nur mit einem leichten Verlauf. Sie beklagen, dass sie Wochen oder Monate später unter einer unerklärlichen Müdigkeit und Erschöpfung leiden. So sagte eine 28-jährige Frau, dass sie durch diese Ermüdungserscheinungen kaum noch in der Lage ist, weite Strecken oder große Anstrengungen zu bewältigen.

Fatigue ist eine besonders schwere Form von Ermüdung, die sehr oft bis hin zur totalen Erschöpfung führt und bei allen schweren Krankheitsbildern auftreten kann. Betroffene können kaum ihren Alltag oder kleinste Anstrengungen, wie z. B. Treppensteigen, kurze Spaziergänge oder Hausarbeit bewältigen. Jegliche Anstrengung fällt ihnen sehr, sehr schwer. Der Alltag, das gesamte Leben ist für sie nur unter größtem Krafteinsatz zu meistern.

Bei gesunden Menschen führt eine körperliche und geistige Anstrengung zu einer vorübergehenden Müdigkeit. Nach einem erholsamen Schlaf oder einer Erholungspause sind sie wieder voll einsatzfähig. Anders ist das bei der Fatigue, da gibt es keine Erholungsphase, Betroffene fühlen sich dauerhaft müde.

Auf meine Frage, wie sie die „Fatigue“ empfinden, antworten viele: „Es ist sehr quälend und belastet mich mehr als so mancher Schmerz.“ Gerade bei der Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs ist die Fatigue eine weit verbreitete Begleiterscheinung, die die Betroffenen z. B. in Arbeitsfähigkeit, Lebensqualität, Sexualleben, Partnerschaft, Bindung zu Freunden, emotionalem Wohlbefinden erheblich einschränken kann. Betroffene müssen wissen, dass sie mit ihren eigenen Kraftreserven sorgsam umgehen sollten und dabei ein Gefühl bekommen, was sie sich selbst an Arbeiten oder Tätigkeiten zutrauen und welchen Kraftaufwand sie dazu benötigen.

Es ist für Betroffene sehr schwer, Außenstehenden oder gar ihren Partnern, Kindern und Freunden das Empfinden der starken Erschöpfung begreiflich zu machen und von ihnen das Verständnis zu bekommen, das sie dringend brauchen. Häufig fühlen sie sich nicht verstanden und auch nicht ernst genommen, was wiederum zu Unsicherheiten, Konflikten, Ängsten und Spannungen führen kann.

Wichtig ist, dass der Partner, die Angehörigen oder das Umfeld den Betroffenen die nötige Akzeptanz, Rücksicht und Verständnis entgegenbringen, auch wenn es für sie oftmals unverständlich ist. Außerdem sollten sie den Betroffenen zugewandt und gesprächsbereit sein und ihnen dort Unterstützung gewähren, wo sie sie gerade brauchen.

Es empfiehlt sich, ein Fatigue-Tagebuch, das es schon seit Jahren gibt, zu führen, in dem der Tagesablauf sowie das jeweilige körperliche und seelische Befinden festgehalten werden. Manchmal gelingt es, damit den Tagesablauf besser zu planen. Wichtige Dinge und Aufgaben können auf Zeiten, in denen es den Betroffenen entsprechend gut geht, verlegt werden. Aus der Sicht der Experten empfiehlt man, die Aktivitäten allmählich und behutsam zu steigern. Übermäßiges Schonen sollte man vermeiden.

Was können die möglichen Ursachen von Fatigue sein?

  • Tumorerkrankungen
  • Tumorbehandlungen, wie z. B. Operationen, Chemo-, Strahlen-, Immun- und Gentherapien
  • Anämie (Blutarmut)
  • Sepsis
  • Gewichtsverlust
  • Mangelernährung
  • Muskelabbau und mangelnde Bewegung
  • Schlafstörungen


Die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs macht Angst und drückt auf das Stimmungsbarometer, indem es die Lebensfreude und Lebenskraft schmälert.

Bei Operationen kann es sein, dass die Müdigkeit erst nach zehn Tagen verstärkt auftritt und nach einem Monat wieder auf das Maß vor der Operation zurückgeht. Nach weiteren Monaten verschwindet sie oftmals wieder ganz.

Bei Chemotherapie kann die Fatigue kurz nach der Behandlung beginnen und in vielen Fällen nimmt sie bis zum 10. Tag zu und geht danach bis zur nächsten Chemo zurück. Sie kann aber auch länger anhalten.

Bei Strahlentherapie werden die meisten von Fatigue geplagt. Je größer die bestrahlte Fläche ist, desto länger dauert auch die nachfolgende Zeit der Erschöpfung bzw. Müdigkeit an.

Eine Immuntherapie ist von grippeähnlichen Nebenwirkungen begleitet, zu denen auch Fatigue gehört. Müdigkeit und Schwäche können hier solche Ausmaße annehmen, dass die Behandlung abgebrochen werden muss. Oftmals klingen die Symptome nach der Behandlung wieder ab.



Welche Symptome können bei einem Fatigue-Syndrom auftreten?

  • rasche Erschöpfbarkeit
  • Schwächegefühl
  • Antriebsstörung, keine Motivation
  • Müdigkeit, fehlende Energie, hoher Bedarf an Ruhezeiten
  • eingeschränkte körperliche Belastbarkeit
  • eingeschränktes oder gestörtes Schlafverhalten
  • Konzentrationsschwäche



Ist Fatigue heilbar?
Nach meinem Wissenstand ist bis heute die genaue Ursache des Fatigue- Syndroms noch nicht bekannt. Es wird vermutet, dass es einen neuroimmunologischen Ursprung hat. Aus diesem Grund gibt es auch keine zielgerichtete Vorbeugung oder Therapie.

Was kann bei Fatigue helfen?
So vielschichtig die Ursachen bei Fatigue sind, gibt es auch dementsprechend zahlreiche Behandlungsansätze. Am Anfang jeder Behandlung steht die Aufklärung und Sensibilisierung des Betroffenen, seines Partners sowie der Angehörigen.

Das Fatigue-Syndrom gehört in ärztliche Hände!   
Hier kann der Arzt z. B. bei Blutarmut eine entsprechende Therapie, die die Blutbildung anregt, verordnen.

Kann eine Psychotherapie helfen?
Zur Aufklärung von Konflikten, Stress oder Schlafstörungen und zur Hilfe einer gewünschten Verhaltensveränderung oder Konfliktverarbeitung ist ein psychotherapeutisches Herangehen oft sinnvoll und empfehlenswert.

Sind Sport und Bewegung sinnvoll?
Hier lautet die Antwort eindeutig ja. Es braucht keinen Ausdauersport, sondern es genügt, wenn man Bewegungen, wie z. B. Treppen gehen statt Aufzug fahren, kleine Spaziergänge statt Joggen in seinen Alltag integriert. Auch Bewegungen im Sitzen können sehr nützlich sein. Man sollte darauf achten, dass man am Anfang mit den Aktivitäten klein beginnt und diese nach und nach steigert. Vielleicht kann man daran später ein aufbauendes Ausdauertraining anschließen.

Worauf muss ich beim Sport achten?
Auf keinen Fall sollte man sich bei seinen sportlichen Aktivitäten überanstrengen, das könnte dazu führen, dass die Fatigue sich verstärkt. Wer glaubt, dass er seiner Erschöpfung mit Sport entgegentreten kann, sollte peinlichst genau darauf achten, dass er sich dabei nicht überfordert. Zuviel kann hier genau das Gegenteil bewirken. Man sollte immer sein Krankheitsbild, seine körperliche und seelische Verfassung im Auge behalten. Wichtig ist auch, dass Sie mit Ihrem behandelnden Arzt abklären, ob Sie Sport oder Bewegung in Ihren Alltag einbauen oder lieber darauf verzichten sollten.

Die Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention sowie der Deutschen Krebsgesellschaft sehen möglichst täglich Ausdauereinheiten und zwei Mal wöchentlich Krafttrainingseinheiten (eine Einheit umfasst 30-45 Minuten) vor.
Nach meiner Auffassung und Er- fahrung ist es wichtig, dass bereits im Krankenhaus die sportliche Therapie beginnen sollte. Dadurch wäre eine professionelle Einführung von gezielten Bewegungen gesichert, und der Betroffene hätte sofort die Möglichkeit, seine Muskeln aufzubauen. Oft fällt es den Betroffenen leichter, wenn sie die Übungen unter fachlicher Anleitung machen und es motiviert sie gleichzeitig, wenn sie ein Lob oder Anerkennung aus berufenem Munde bekommen.

Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass das, was ich hier beschreibe, alles andere als leicht ist. Auch ich hatte immer wieder enorme Schwierigkeiten, mich zu motivieren und kontinuierlich sportlich zu be- tätigen. Mein Geist wollte, doch mein Körper war schwach. Ich fühlte mich müde, erschöpft, ausgelaugt und überfordert.

Zum Glück hatte ich eine hervorragende Ärztin an meiner Seite, die mich immer und immer wieder ermutigte, nicht aufzugeben. Sie half mir, meinen inneren Schweinehund zu besiegen, indem sie mir kleine Übungen gab und diese ganz langsam steigerte.

Ja, es war für mich jeden Tag aufs Neue eine Überwindung, doch diese hat sich mehr als gelohnt. Ich spürte nach und nach ganz viele positive Veränderungen. Ich fühlte mich einfach besser und so manches, was mir vorher schwerfiel, wie z. B. Laufen, Treppensteigen, kleine Spaziergänge und Hausarbeit, konnte ich jeden Tag ein bisschen besser bewältigen. Ängste, Schlaflosigkeit, Depression wurden weniger, dafür nahm meine Beweglichkeit tagtäglich zu und gab mir wieder Kraft und Lebensqualität. Ich fühlte plötzlich wieder Leben in mir und meine eigene Wertschätzung kam zurück. Die Anstrengung war enorm, doch was ich an Lebensglück wiederbekam, war unbeschreiblich. Ich wurde mit einer Steigerung meines Selbstwertgefühls belohnt.

Was ich dabei erwähnen muss: ich hatte damals viele schwere Operationen zu verarbeiten, jedoch glücklicherweise keine Krebsdiagnose, und trotzdem hat bei mir die Fatigue zugeschlagen.

Ich weiß aber auch, dass Betroffene, die die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs haben, um ein Vielfaches mehr an Motivation brauchen als ich sie benötigte. Doch hier sage ich: „Gebt nicht auf, versucht es mit leichten Bewegungen und sportlichen Übungen. Bleibt dran und versucht, Euch selbst zu motivieren, Euer Körper und Eure Seele danken es Euch, indem Ihr vielleicht besser schlafen könnt und dabei Kraft und Ausdauer tankt.“

Was kann man selber tun?
Immer wieder stelle ich fest, dass Betroffene nur wenig oder gar nicht über ihre Fatigue-Beschwerden reden wollen, weil sie der Meinung sind, dass diese zu ihrer Krebserkrankung gehören, man nichts dagegen tun kann und man sich damit abfinden muss. Doch das ist nicht der richtige Weg, denn wenn man nicht darüber spricht, findet man keine Hilfe. Ärzte und Pflegepersonal können nur medizinisch einschreiten, wenn sie erfahren, wie es ihrem Patienten geht.

Auch kann es von Vorteil sein, wenn man das Thema Fatigue in der Selbsthilfegruppe anspricht und aus dem Munde Betroffener erfährt, wie sie damit umgehen, was sie machen und was ihnen geholfen hat.

So entstand dieser Artikel, denn Fatigue war ein Thema in unserer Online-Gruppe und ermutigte mich, darüber zu schreiben.

Wie kann man seine Kräfte richtig einteilen und auch stärken? Wie kann man mit kleinen Veränderungen den Schlaf verbessern? Welchen Stellenwert hat die Ernährung bei Fatigue? Welche Rolle haben Bewegung und Sport? Wie können wir unseren Alltag, unser Leben nach unseren Wünschen und Bedürfnissen zufriedenstellend gestalten?


Alles richtig und ausführlich in diesem Artikel zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen. Falls Sie Fragen zu diesem Thema haben, rufen Sie mich an, gerne werde ich versuchen, individuell auf Ihre Probleme einzugehen und gemeinsam mit Ihnen nach Lösungen zu suchen.

Noch eine Bitte!
Wenn Sie bei sich Symptome wie z. B. ständige Müdigkeit, Erschöpfung, Blässe, Kurzatmigkeit, Herz- jagen, Schwindel, Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, Schmerzen in der Brust oder einen erhöhten Puls feststellen, gehen Sie unbedingt zu Ihrem behandelnden Arzt und sprechen Sie mit ihm. Je länger die totale Erschöpfung anhält, umso schwerer wird es sein, Wege, die zu einer Verbesserung führen, zu finden.


Ich wünsche Ihnen, dass Sie Schritt für Schritt wieder aus der totalen Erschöpfung herausfinden und, wie auch ich, wieder die positiven Seiten des Lebens spüren.

Katharina Stang